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Pressemitteilung 052-2019: Trotz Erblindung und Hörschwäche engagiert im Beruf


Helga Willner ist Usher-Typ 2 und am Landratsamt Lichtenfels im Sachgebiet Jugend und Familie tätig – Ein Portrait zum Tag der seltenen Erkrankungen am 28. Februar

LICHTENFELS. Ein leises „Klack-Klack“ begleitet ihren Gang die Treppe hinauf zum Eingangsportal des Landratsamtes. Zielstrebig bahnt sich Helga Willner mit ihrem weißen Stock den Weg zur Tür, tastet sich mit ihm am Boden die Stufen entlang nach oben, weiter durch die Eingangshalle Richtung Treppenhaus und schließlich zum Lift. Die Fugen in den Fliesen, die Wände, geben der modisch gekleideten Frau Orientierung. Aus dem Gefühl heraus weiß sie ziemlich genau, wo sie ist. Denn sehen kann Helga Willner nicht – seit zwölf Jahren nicht mehr.

Auch ihr Gehör ist stark eingeschränkt. Doch trotz ihrer Behinderung steht die Beamtin des Freistaates Bayern im Sachgebiet Jugend und Familie, wirtschaftliche Jugendhilfe, mit großem Engagement ihre Frau. Zum „Tag der seltenen Erkrankungen“ am 28 Februar ein Anlass, sie einmal zu begleiten.

„Ich bin Usher-Typ 2“, erklärt sie sachlich. Definiert wird das Usher-2-Syndrom durch eine angeborene Innenohrschwerhörigkeit und einen später einsetzenden Verlust des Sichtfeldes, einer Netzhautdegeneration, die bei Helga Willner schließlich zur Erblindung führte. Eine doppelte Behinderung, eine zweifache Sinnesbeeinträchtigung, deren Auswirkungen sich potenzieren, da der Hörverlust nicht durch Sehvermögen ausgeglichen werden kann und umgekehrt.

Niederschmetternde Diagnose
Eine Einschränkung, die von Helga Willner von Kindesbeinen an stets viel abverlangt hat. Ihren jetzigen Seheindruck beschreibt sie als helles Flimmern ohne Farbe und Kontur, das wahnsinnig anstrengend ist. Tag und Nacht könne sie noch unterscheiden. „Das Gesicht meines Gegenübers nicht mehr erkennen zu können, das war für mich das Schlimmste. Es hat mich viel Überwindung gekostet, den Langstock in die Hand zu nehmen.“ Eine niederschmetternde Diagnose, ein Schicksal, das Helga Willner schwer getroffen hat, das sie aber auch zur Kämpferin gemacht hat, in dem sie sich ihm gestellt hat.

Aufgrund der Krankheit nicht mehr berufstätig zu sein, kam für sie nicht in Frage. „Zum einen fühlte ich mich zu jung, um aufzuhören. Zum anderen arbeite ich gerne“, erläutert sie. „Mit zunehmender Verschlechterung des Sehvermögens sind die Arbeitsbedingungen der Behinderung angepasst worden. Dabei konnte ich stets auf die Unterstützung der Vorgesetzten, Kollegen und Personalstelle vertrauen. Das schätze ich“, stellt sie erfreut fest.

Inklusion muss gelebt werden“
„Inklusion muss gelebt werden, Menschen mit Behinderung müssen gleichberechtigt und ohne Barrieren am Arbeitsleben teilhaben können. Das ist für uns als Behörde nicht nur gesetzliche Maßgabe, sondern für mich als Landrat und für das Landratsamt Lichtenfels als Behörde ein Herzensanliegen“, unterstreicht Landrat Christian Meißner. „Wir arbeiten miteinander, wir wollen die berufliche Inklusion weiter voranbringen und Menschen mit Handicap bestmöglich unterstützen. Das bedeutet, dass wir die Arbeitsbedingungen und –plätze entsprechend den individuellen Bedürfnissen anpassen: Das Wissen und Können von Menschen mit Behinderung ist für uns eine wertvolle und unverzichtbare Ressource. Inklusion bringt uns alle voran “, betont Meißner.

Helga Willner hebt die hohe Bereitschaft ihres Umfeldes hervor, die besondere Situation mitzutragen und auf sie einzugehen. Als Beispiel nennt sie die vielen Mitfahrgelegenheiten, die ihr Kollegen anbieten und die es ihr häufig ermöglichen, bequem vom Wohnort zum Arbeitsplatz oder in die Stadt zu kommen. „Es war für mich immer ein Ansporn, wenn ich positive Rückmeldungen bekommen habe. Man kann natürlich immer versuchen, gesetzliche Regelungen durchzusetzen, doch ohne Wohlwollen und Verständnis wäre das alles nicht möglich“, sagt sie.
 
Arbeitsplatz mit Hilfsmitteln
Der Arbeitgeber sei über die vielen Jahre hinweg „mitgewachsen“. Der Freistaat Bayern arbeitet eng mit dem Landratsamt zusammen und leistet auch finanzielle Unterstützung. Der Arbeitsplatz von Helga Willner wurde peu à peu mit verschiedensten technischen Hilfsmitteln ausgestattet. Sie selbst habe an blindenspezifischen Schulungen und Seminaren teilgenommen. Ein PC mit Sprachausgabe (Screen Reader) übersetzt digitale Texte in Sprache, sodass Helga Willner sie bearbeiten kann. Entsprechend werden auch gedruckte Texte eingescannt und hörbar gemacht. Schreiben kann sie nach wie vor selbst im Zehn-Finger-System. Eine Assistentin unterstützt die Diplom-Verwaltungswirtin (FH) bei diversen Tätigkeiten, so bei Hand geschriebenen Texten, die auf dem Postweg ankommen. Sie veranschaulicht das Geschehen, wenn Bürgerinnen und Bürger ins Büro kommen, denn Helga Willner möchte gerne auch wissen, wie ihr Gegenüber von einem Sehenden wahrgenommen wird. Die Beschreibung ihrer Umwelt, besonderer Situationen, all dessen, was einem aufmerksamen Beobachter ins Auge springt, ist ihr wichtig.

„Nicht zu hören, trennt von den Menschen, nicht zu sehen von den Dingen“, zitiert sie Helen Keller und betont, dass die Folgen der Höreinschränkung nicht unterschätzt werden dürfen. Bei sozialen Kontakten kann das beeinträchtigte Hören und Verstehen zur Ausgrenzung führen und auch bei Nutzung von Hörsystemen ist es schwierig, dem entgegenzuwirken. „Bis ins Erwachsenenalter war ich es gewohnt, die Hörbehinderung durch das bis dahin noch intakte Sehvermögen auszugleichen. Vielleicht bin ich deshalb trotz meiner Erblindung ein visueller Mensch geblieben“, meint Helga Willner. „Ich versuche, mir innere Bilder zu zeichnen.“ Im Lauf der Jahre, entwickelte die sehr disziplinierte Frau immer feinere Strategien, um ihren Alltag zu bewältigen und trotz der Einschränkungen möglichst viel Lebensqualität zu haben.

Ihren Haushalt könne sie noch komplett alleine managen, erzählt sie. „Es gibt einfache Lösungen wie tastbare Markierungen an Herd und Waschmaschine, aber auch spezielle technische Hilfen wie eine sprechende Küchenwaage.“ Gleichwohl braucht es viel Energie und Geduld, denn so manches kleinere Malheur, das für Sehende gar keines ist – wie wenn beispielsweise ein Teelöffel runterfällt -, wächst sich da schon mal gerne zum größeren Problem aus, weil die Suche sich aufwändig gestaltet.

Enorme Hilfsbereitschaft
Ausgleich findet Helga Willner in vielfältigen Freizeitaktivitäten. Trotz ihrer Einschränkungen nimmt sie aktiv am gesellschaftlichen Leben teil, sagt sie. Sie wandert mit Freunden, trainiert im Fitnessstudio, tanzt gerne und besucht entsprechend Kurse. Sie besucht kulturelle Veranstaltungen und liebt das Reisen. „Dafür gibt es spezielle Angebote für sehbehinderte und blinde Menschen“, erläutert sie, und wenn sie – oft auch allein - mit der Bahn unterwegs ist, kann sie auf den Mobilitätsservice zurückgreifen. Wenn es da Pannen gibt, habe sie schon viel Skurriles erlebt. So wurde ihr mal geraten, den Zugbegleiter zu suchen. Aber oft habe sie auch enorme Hilfsbereitschaft von ihr unbekannten Menschen erfahren, stellt Helga Willner fest.

„Für mich war es befreiend und heilsam, resümiert sie, mit der Behinderung offensiv umzugehen und die Einschränkungen sichtbar zu machen, etwa durch den Langstock. Dadurch haben sich neue Möglichkeiten aufgetan. Es sei wichtig, meint Helga Willner, seinen individuellen Fähigkeiten zu vertrauen. Man müsse sich die positiven Erfahrungen verinnerlichen, Hindernisse als Herausforderung sehen, dabei eigene Grenzen im Blick haben; Prioritäten setzen und manches auch mit Humor nehmen. Von ihren Mitmenschen wünscht sich die couragierte Frau, eine Begegnung auf Augenhöhe, Empathie, denn Mitleid sei herabsetzend. „Angebotene Hilfe ist immer willkommen, wenn es mir überlassen bleibt, diese anzunehmen“, sagt sie.

052 - 2019_02_28_PM Tag der seltenen Erkrankungen Helga Willner (1)

Die Fugen in den Fliesen, die Wände, geben Helga Willner auf ihrem Weg Orientierung. Aus dem Gefühl heraus weiß sie ziemlich genau, wo sie ist. Denn sehen kann sie nicht – seit zwölf Jahren nicht mehr.   Foto: Landratsamt Lichtenfels/Heidi Bauer


052 - 2019_02_28_PM Tag der seltenen Erkrankungen Helga Willner (2)

Der Arbeitsplatz von Helga Willner wurde peu à peu mit verschiedensten technischen Hilfsmitteln ausgestattet. Ein PC mit Sprachausgabe (Screen Reader) übersetzt digitale Texte in Sprache, sodass Helga Willner sie bearbeiten kann. Entsprechend werden auch gedruckte Texte eingescannt und hörbar gemacht. Schreiben kann sie nach wie vor selbst im Zehn-Finger-System.     Foto: Landratsamt Lichtenfels/Heidi Bauer

 

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